Neuer Hamburger Knabenchor und Hamburger Barockorchester

Die Johannes-Passion in der Kulturkirche Altona

Der Neue Knabenchor Hamburg unter der Leitung von Jens Bauditz war am 9. April 2022 mit der „Johannis-Passion“ in der ersten Fassung von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) zu Gast in der Kulturkirche in Hamburg-Altona. Begleitet wurde der Chor vom Hamburger Barockorchester, die Konzertmeisterin ist Gesine Hildebrandt, und vier Solisten/innen. Pünktlich um 19.00 Uhr begann das Konzert, das eigentlich für den April 2020 geplant war, in der vollbesetzten Kulturkirche. So lag nach diesem ersten Konzert nach langer coronabedingter Pause ein Hauch von erwartungsvoller Spannung über allen Beteiligten.

Singen ist „Balsam für die Seele“ und „Kraftfutter fürs Gehirn“ (Gerald Hüther, Neurologe), zitiert die Chor-Website und bezieht sich auf Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern mit Musik. An diesem Abend und mit diesem ergreifenden Konzert kann die Zielgruppe durchaus auf alle Anwesenden ausgeweitet werden.

Die Johannes-Passion, deren Uraufführung 1724 stattfand, ist eines der meistaufgeführten und bekanntesten Werke von J.S. Bach und ist wie die Matthäus-Passion eine der beiden authentisch und vollständig erhaltenen Passionen. Sie erzählt auf unterschiedlichen Ebenen von der Verhaftung, Verurteilung und Kreuzigung Christi. Die Figur des Evangelisten (Johannes) liest im Sprechgesang Passagen aus dem Neuen Testament. Immer wieder wechseln die Arien der Solisten/innen mit den Zitaten und übertragen die Gefühle und Stimmungswechsel der Personen, Freude, Angst, Ärger, Liebe, Schmerz, Verzweiflung, Hoffnung. Der vierstimmige Chor übernimmt mit dem dritten Part verschiedene Aufgaben. Das Publikum hört in den Chorälen die religiöse Botschaft, unterbrochen von Einwürfen, wie die Stimmen des aufgeregten Volkes oder der empörten Hohepriester.

Hier in der Kulturkirche ergänzte das Hamburger Barockorchester das musikalische Ganze mit der Fülle und dem Klang der historischen Instrumente.

Unter der Gesamtleitung von Jens Bauditz begann das Barockorchester. Dann setzte der Chor aus 35 jungen und sehr jungen Menschen mit großer Macht ein, ein strahlender Einstieg. Der Spannungsbogen, der genau in diesem Moment begann, hielt über das gesamte, etwas mehr als 2-stündige Konzert. Bewundernswert, wie konzentriert und fokussiert die jungen Sänger blieben. Es gab Pausen und auch Inhalte, die große Disziplin erfordern. Nur ein Beispiel die Arie zur Geißelung Christi, die auch bei nichtjungen Menschen Bilder und Emotionen erzeugt, die nicht leicht auszuhalten sind. Man spricht der Johannes-Passion eine gewisse Magie zu. Das war an diesem Abend ganz sicher nachvollziehbar. Das Konzert war zugleich ergreifend und effektvoll, die Choräle konnten aufrühren und dann wieder trösten. Der Chor schaffte zuweilen einen ebenso sanften wie dichten Klangteppich, dem man sich nicht entziehen konnte (und auch nicht wollte). Bei aller Kenntnis und doch irgendwie überraschend endete das Konzert, mit, und nicht nur bei mir, Tränen in den Augen und sehr viel Gefühl.

Der Applaus der Zuhörenden wollte nach dem Konzert gar nicht wirklich enden: Und aus vollem Herzen – zu Recht! Ein sehr dankbares Publikum, Singen ist „Balsam für die Seele“, da steckt wirklich viel Wahres drin.    

Wie hat der Chor es geschafft, diese hohe Qualität über die lange Coronazeit hinweg zu erhalten und dann so zu präsentieren? Ein riesengroßes Kompliment für den Chor und seinen Leiter, Jens Bauditz, der in der Zwangspause alles ihm Mögliche unternommen hat, um dieses Ziel zu erreichen.

Die Solisten/innen, die in der Erzählung wechselnde Rollen einnahmen, waren Marlen Korf (Sopran), Nicole Dellabona (Alt), Karl Händel (Tenor, u.a. Evangelist) und Tobias O. Hagge (Bass, u.a. Jesus und Pontius Pilatus).

Der Neue Knabenchor Hamburg wurde 1991 von Brigitte Siebenkittel gegründet. Ihr folgte 2003 Ulrich Kaiser, den der heutige Leiter, Jens Bauditz, 2012 ablöste. Inzwischen bietet die in den letzten Jahren entstandene Knabenchorschule 170 Jungen ab drei Jahren eine musikalische Heimat.

Wer mehr über einen der angesehensten Chöre Norddeutschlands wissen möchte… die Website der Staatlichen Jugendmusikschule https://neuer-knabenchor-hamburg.de/ bietet reichhaltige Informationen, zum Beispiel zum Aufbau der sängerischen Bildung. Und wer richtig neugierig geworden ist, kann den Kennenlernmonat nutzen. Für die Anmeldung ist das Chorbüro zuständig: E-Mail: chorbuero@neuer-knabenchor-hamburg.de

Zu hören und zu sehen ist der Neue Knabenchor Hamburg dann wieder am 10.09.2022 um 18:00 Uhr in der Hauptkirche St. Michaelis, dem Hamburger Michel, wenn es heißt: Hear the boys. So lautet das Motto des 1. Festivals der Norddeutschen Knabenchöre, mit insgesamt 5 Chören aus Norddeutschland.  

Das Hamburger Barockorchester spielt auf Instrumenten des frühen und mittleren 18. Jahrhunderts. Eine Kostprobe und viele sehen- und hörenswerte Informationen finden sich unter https://www.barockorchester-hamburg.de.

Gertrud Krapp

Fotos

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