Cat Lustig über ihre Erfahrungen als Chorleiterin in Corona Zeiten

Ich leite als Freiberuflerin vier Chöre, die natürlich alle von der Coronakrise betroffen waren – manche stärker als andere.

Die erste Absage erhielt ich am 12. März, als mir und vielen anderen die Tragweite der Pandemie noch nicht bewusst war. Die Absage kam von einer Seniorenresidenz, wo ich einen Singkreis leite. Dort war sehr früh der Ernst der Lage klar. Seitdem fiel dieser Chor komplett aus, da es nicht die Möglichkeit gibt, über Zoom o.ä zu singen.

„Mein“ Frauenchor, Altersdurchschnitt über 75, musste auch seit März pausieren. Die wenigsten Mitglieder haben einen Internetanschluss, und so kam auch dort diese Möglichkeit nicht in Frage. Es wurde und wird rege untereinander telefoniert. Für viele ist der Chor ein wichtiger – z.T. auch einer der wenigen – sozialen Kontaktorte. Im Sommer haben wir uns im Café in Planten un Blomen (draußen) getroffen., um uns wenigstens mal zu sehen. Wir haben das Angebot bekommen, in einer Aula zu proben, aber die meisten Frauen sind sehr zurückhaltend, wollen verständlicherweise abwarten, wie sich die Lage entwickelt. Sie gehören alle qua Alter zur Risikogruppe, einige sind vorerkrankt, oder haben Partner, die es (auch) sind.

Mit den anderen zwei Chören habe ich versucht, Zoom Proben zu machen. Ich fand diese Art der „Probe“ eher frustrierend. Es war schön, die SängerInnen zu sehen und sich auszutauschen, aber ein echtes Chorgefühl kam nicht auf.

Diese zwei Chöre – ein Betriebschor und ein Nachbarschaftschor – haben dann ab Juni im Freien geprobt, in Privatgärten. Es war schön, miteinander zu singen, die Gemeinschaft zu erleben, diesen Teil der „Normalität“ wieder erleben zu können. In dem einen Garten sang jede Woche eine Amsel mit uns um die Wette! Akustisch war es natürlich eine Herausforderung, da sich die SängerInnen nicht gut hören konnten und es keinen Raumklang gab. Die Wettervorhersage war nie so wichtig, wie in diesen Wochen! Aber wir hatten sehr oft Glück mit nur wenigen Ausfällen wegen Regens.

Eine Besonderheit gab es: Den Nachbarschaftschor hatte ich frisch übernommen, d.h. ich hatte mich im Februar beworben, sollte Anfang April beginnen. Dann kam Corona, so dass mich der Chor noch gar nicht gut kannte. Deshalb habe ich ein kleines Video auf YouTube hochgeladen, in dem ich mich nochmal ausführlicher vorgestellt habe. Dadurch und durch die Zoom Proben, an denen allerdings nur wenige teilgenommen haben, bekam ich Kontakt zum Chor, konnte meinen guten Willen zeigen und die Gruppe zusammenhalten.

Inzwischen haben dieser Chor und der Betriebschor mit viel Glück einen großen Raum gefunden, in dem wir proben können. Mit ausgearbeitetem Hygienekonzept inklusive Lüften nach 45 Minuten, Maskenpflicht, außer am Platz, und einem großen Abstand von 2,5m zwischen den SängerInnen singen wir wieder mit großer Freude. (Ich nenne den Raum nicht, da die Kapazitäten dort ausgeschöpft sind.)

Finanziell waren alle Chöre, bis auf den Seniorenchor, sehr großzügig. Die Bezahlung wurde ganz oder teilweise fortgesetzt, so dass ich immerhin keinen finanziellen Totalschaden hatte. Beim Nachbarschaftschor, der sehr locker organisiert ist, haben viele Mitglieder aus Solidarität ihren Beitrag weitergezahlt, was ich ganz besonders zu schätzen wusste, da mich der Chor eben kaum kannte.

So habe ich zwei meiner vier Chöre „retten“ können. Aber gerade die älteren Menschen, mit denen ich in zwei Gruppen singe, können zurzeit nicht gemeinsam singen, können ihre Kontakte und Freundschaften nur telefonisch, nicht durch die Proben, die Geselligkeit, die Auftritte und die gegenseitigen Besuche pflegen.

Mit den steigenden Infektionszahlen wird das Proben in geschlossenen Räumen womöglich bald wieder infrage gestellt. Und bis sich die Lage wieder so weit beruhigt hat, das Chorsingen für alle in kleineren Räumen wieder möglich ist, könnten zwei meiner vier Chöre vielleicht nicht mehr bestehen. Das ist sehr traurig.

Cat Lustig