Palestrina-Ensemble Mariendom – Johannespassion

Durch Dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen! – Das ist die zentrale Aussage der Johannespassion von J.S. Bach, die zentrale Aussage für alle Christen, die an Karfreitag des Leidensweges und der Kreuzigung Jesu gedenken, und es ist zugleich auch der Choral im Zentrum der Passion.

J.S. Bach komponierte das Werk nach dem biblischen Bericht des Johannesevangeliums, ergänzt durch Choräle, zumeist nach Worten evangelischer Kirchenlieder, sowie frei erfundenen Texten. Die Uraufführung der ersten Fassung fand am 7. April 1724, wie damals üblich im Karfreitagsgottesdienst, in der Leipziger Nikolaikirche statt. Um den Choral „Durch Dein Gefängnis, Gottes Sohn“ herum komponierte Bach die Passion dergestalt, dass eine Symmetrie, ein Spiegelbild im musikalischen Aufbau zu erkennen ist.

Das Palestrina-Ensemble Mariendom führte die Passion am 8. April 2022 im sehr gut besuchten St. Marien – Dom auf, ein wahrlich würdiger Ort für diesen Anlass. Der Chor wurde von Eberhard Lauer als ein A-cappella-Projektchor gegründet, der sich der Alten Musik verschrieben hat, zu der auch die Johannespassion gezählt wird. Die Liebe zu dieser Musik war den ca. 40 SängerInnen anzuhören, sie sangen das Werk sicher, inbrünstig und mit Ernst. Begleitet wurde der Chor durch das Ensemble Schirokko, das auf historischen Instrumenten spielte. So konnte gut ein Eindruck vom Klang der Musik zu Bachs Zeiten vermittelt werden.

Im Eingangschor tritt der Chor mit drei Rufen (Herr – Herr – Herr) eindrücklich auf und zieht den Zuhörer in den Bann. Die folgenden Koloraturen dieses Satzes werden exakt gesungen und verdeutlichen durch ihre tiefen Stimmlagen, dass gerade in der Niedrigkeit Gottes Sohn verherrlicht werden soll. Der Bass ist hier bei seinen Soloeinsätzen präsent und gut zu hören.

Der Evangelist (Stephan Zelck) erzählt die Geschichte Jesu vom Verrat und der Gefangennahme Jesu bis zum Begräbnis. Er folgt in seiner Auslegung dem Geschehen genau, treibt es an, lässt zögern, zweifeln. Auf die Fragen an Jesus (Sönke Tags Freier) antwortet dieser stets voller Emotion.

In den Vertonungen der Chöre nehmen die SängerInnen die Position des Volkes ein, und sie werden in der Ausführung einer spottenden, aufgestachelten, auch überlegenen, erklärenden Menschenmenge gerecht. Auf Jesu ‚Wen suchet Ihr‘ hören wir ein schnelles, spitzes ‚Jesum von Nazareth‘. Simon Petrus fragt das Volk drängend: ‚Bist Du nicht seiner Jünger einer?‘. Auf die Frage des Pilatus ob der Klage gegen Jesu kommt die Antwort überlegen und bestimmt mit dem Satz ‚Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet‘. Die Chromatik dieses Satzes führt einen Spannungsbogen fort, der über die Kreuzige-Sätze bis hin zum Streit über die Kleider Jesu (‚Lasset uns den nicht zerteilen’) von den SängerInnen in Tempi und Ausdruck bis zum Schluss gehalten wird. Der letzten Chor der Passion ‚Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine‘ gibt in seiner Intensität Grund zur Hoffnung: ‚Macht mir den Himmel auf, und schließt die Hölle zu.‘

Erschauern lassen die letzten Worte Jesu am Kreuz (‚Es ist vollbracht‘), zart und gebrechlich gesungen, und das Rezitativ des Evangelisten (‚Und neiget‘ das Haupt und verschied’), der diese Worte nur haucht.

Das Umschalten auf die ruhigen Choräle gelingt den SängerInnen durchweg.

Hier wird das Geschehen nachträglich betrachtet und verdeutlicht. So lautet der nachfolgende Choral auf die Frage Jesu ‚Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?‘: ‚Dein Will gescheh‘, Herr Gott zugleich auf Erden wie im Himmelreich.‘

Eberhard Lauer lässt die Choräle in unterschiedlichen Tempi und Interpretationen singen, die SängerInnen nehmen sein Dirigat genau auf.

Unterbrochen werden die Choräle, Chöre und Erzählungen des Evangelisten durch Arien der Solisten. Hierzu hat Bach Texte aus freien Dichtungen verwendet. Die Arien werden oft durch Soloinstrumente begleitet. So spielen die Oboen zur der von Geneviève Tschumi inbrünstig gesungenen Altarie ‚Von den Stricken meiner Sünden‘. Die Flöten hören wir in der Arie ‚Ich folge Dir gleichfalls‘, die von der Sopranistin Karola Sophia Schmid mühelos und hell gesungen wird. Die Viola da Gamba weint mit der Altistin in ‚Es ist vollbracht’. Gegen Ende, als der Vorhang im Tempel zerreißt, hören wir in einer Sopranarie mit Begleitung der Flöten und Oboen, in Andacht und mit Traurigkeit gesungen, den Satz ‚Zerfließe, mein Herze‘. Vom Chor begleitet wird der Baß (Sebastian Naglatzki): In ‚Eilt, ihr angefochtnen Seelen‘ unterbricht ihn das Volk in kurzen, präzisen Einwürfen mit der Frage ‚wohin?‘, worauf seine Antwort lautet ‚nach Golgatha!‘. Nachdenklich die Tenorarie ‚Ach mein Sinn, wo willst Du endlich hin‘, die den Worten des Evangelisten zu Petrus folgt: ‚Und ging hinaus und weinete bitterlich‘.

Der Choral ‚Ach Herr, laß Dein lieb Engelein‘ beendet die Passion. Strahlend singt der Chor den letzten Satz ‚Herr Jesu Christ, erhöre mich, ich will Dich preisen ewiglich‘.

Nach langem Schweigen und Nachfühlen des Leidensweges Christi setzt Applaus ein, der nicht enden will.

Inmitten der Passion, in seinem zentralen Choral, als Reaktion auf Pilatus’ Zweifel, der fast schon an Jesu Freilassung denkt (‚Von dem an trachtete Pilatus, wie er ihn losließe‘), ermahnt das christliche Volk Pilatus, das Werk zu vollenden:

Denn gingst Du nicht die Knechtschaft ein, müsst unsre Knechtschaft ewig sein. Erfüllt von dieser Botschaft geht das Publikum nach Hause.

Marlies Radtke

Fotos

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