Die Mundorgel, Kult, Cool, Kompakt, 70 Jahre „Jugend und Liederbuch“

Klein und rot, flexibel, Ohren wie ein Esel und abgeschabt wie eine alte Handtasche, so schaut zum Beispiel eine Ausgabe der Mundorgel aus, wenn sie seit 1968 in Gebrauch war. Tatsächlich ist sie noch um Einiges älter. Runde 70 Jahre sind es, leicht in die Jahre gekommen ist sie und besitzt trotzdem noch ihren eigenen Zauber, jedenfalls für viele Sänger/innen 30 plus.

Ob die „Die Gedanken sind frei“ oder „Dona nobis Pacem“, ob Antikriegslied, Popsong oder Gospel, altes Volkslied und/oder auch ein wenig Brecht und Weill, auf Französisch, Englisch oder „Atte katte nuwa“ (Das ist Inuit und bedeutet Großes braunes Pferd). Kein Wunsch bleibt unerfüllt und kein Ton ungesungen, es ist für Jede/n was dabei!

Warum entstand die Mundorgel?

Anfang der 50er Jahre hatten vier aktive Studenten aus der Jugendarbeit des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM), eine Idee. Sie waren viel mit Kindern und Jugendlichen unterwegs, man saß am Lagerfeuer und sang, Überschrift und erste Strophe, das ging meist ganz gut, aber dann, Textlöcher, ein wenig Lalala und Hmhmhm. Vielleicht dachten sie, das sei sehr schade? Die Vier stellten eine Sammlung von Liedern zusammen, die 1953 erstmals veröffentlicht wurde. Klein und handlich ließ sie sich überall hin mitnehmen. Ausgewählt wurden Lieder, für die keine Gebühren anfielen, sogenannte „freie“ Musik und ermöglichte damit den niedrigen Preis von 50 Pfennigen. Dieter Corbach, Ulrich Iseke, Hans-Günther Toetemeyer und Peter Wieners sorgten so dafür, dass die Liedtexte verfügbar wurden. Der CVJM ermöglichte die Veröffentlichung, der Titel soll auf einen damaligen Kreisvorsitzenden namens (Horst) Mundt zurückgehen und nicht auf ein Musikinstrument.

Und hatte diese Idee Erfolg? Die Mundorgel wurde eines meistverbreiteten Liederbücher. Über 14 Millionen verkaufte Exemplare bis 2013 sprechen von einem echten Millionen-Longseller! Im Laufe der Zeit waren kleinere Veränderungen notwendig. Es gab Neuzugänge und auch schon einmal eine Entlassung, wenn ein Text nicht mehr zeitgemäß war, eine Ausgabe mit Noten kam hinzu und Zeichnungen von Jürgen Flimm. Aber im Kern blieb alles wie gehabt, klein, rot und verfügbar, für jede/n was dabei und erschwinglich.

Und was genau ist die Mundorgel?

Der Verlag schreibt: „Die Mundorgel – die Neubearbeitung 2001 mit neuer Rechtschreibung. Ein preiswertes Liederbuch für den Gebrauch in Familie, Schule, Gemeinde und Verein. Beinhaltet 278 altbewährte und neue Lieder (teilweise mehrsprachig) in der bekannten Zusammenstellung: Morgen- und Abendlieder – Spirituals und geistliche Lieder – Volks- und Wanderlieder – Folklore sowie Spiel- und Ulklieder.“

Die Mundorgel – ein Jugendbuch?

Ich habe eine kleine und keineswegs repräsentative Umfrage durchgeführt, hier ist eine Auswahl von Stimmen dazu. Folgendes wollte ich wissen: Wenn du „Mundorgel“ hörst, woran denkst du?

  • Ich erinnere mich, meine Jugendzeit, bei Freizeiten, da war sie immer dabei.
  • Bolle reiste jüngst zu Pfingsten… sofort ist dieses Lied da; in der vierten Klasse hatten wir das, in der Schule.
  • Klein, rot und ich hatte eines mit Noten, das war was Besonderes, ich war mit meiner Schwester und vielen anderen Kindern auf einer kleinen Reise, eine schöne Erinnerung.
  • Fünfte Klasse Musikunterricht, der Globus quietscht und eiert, das fällt mir ein.
  • Das war eine schöne Sache. Es war Allgemeingut, dass es ermöglichte, zusammen zu singen, und zwar auch die zweite Strophe oder mehr.
  • Das ist eine Mundharmonika, ganz klar.
  • War das nicht so ein kleines Büchlein mit vielen Liedern? Leider hatte ich nie eins, sollte ich mir vielleicht mal kaufen?
  • Meine Jugend. Das war ein großes Repertoire an Liedern, das musste jede/r haben.
  • Das ist doch so ein Instrument, das man in den Mund steckt.
  • Na, das ist doch das kleine Heftchen, so gelb, mit deutschem Liedgut. Nein rot, es war ein rotes Heftchen.
  • Das hatten wir immer in der Hosentasche der Jeans, wenn wir unterwegs waren.

Wer auch immer wie geantwortet hatte, es gab durchweg den ersten Bezug in die Jugendzeit. Fast alle hatten ihr Exemplar oder sogar mehrere noch und Erinnerung war durchweg positiv. Wer jünger als 30 Jahre ist, kennt es allerdings kaum noch, so ist die Mundorgel vielleicht ein wenig aus der Zeit gefallen.

Wer mehr wissen möchte, wird unter https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Mundorgel fündig.

Als echtes Teekesselchen hat die Mundorgel ihre Bedeutung als Liederbuch wie als Musikinstrument. Ursprünglich stammte es aus dem asiatischen Raum, manche Varianten sind auch bekannt als Maultrommel. Bedeutung noch anders unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Mundorgel

Gertrud Krapp