Der Franz-Schubert-Chor mit „Der schönen Müllerin“ auf ganz neuem Terrain …

…auf dem Fußballplatz nämlich. Der Franz-Schubert-Chor war zu Gast beim SC Vctoria Hamburg von 1895 e.V. am Lokstedter Steindamm, im Programm den Liederzyklus „Die schöne Müllerin“. Am 21.08.2021 um 20.00 Uhr begann das Open-Air-Konzert. Unten Stadionatmosphäre, der Rasen „kriegt die Haare schön“, der Stapler stapelt Absperrungen, Menschen stehen am Tresen, im Hintergrund schrillen Rettungswagen und auf der Tribüne singt sich der Schubert-Chor ein. Sehr viel mehr Kontrast kann man sich eigentlich nicht vorstellen.

Und wie macht sich ein Chor, der seit 1946 in den großen Konzertsälen zuhause ist, dort? Ausgezeichnet! Wo es sonst Gelbe oder gar Rote Karten gibt, gab es die virtuelle Grüne für den Chor, der in der Laeiszhalle oder mit Kent Nagano in der Elbphilharmonie auftrat. Unter der Leitung von Christiane Hrasky, die mit dem Chor seit 2009 arbeitet, sangen etwa die Hälfte der Sängerinnen und Sänger des sonst 100-köpfigen Chores ein knapp anderthalb Stunden dauerndes Konzert. Begleitet wurde der Chor von der Pianistin Valerie Stab. Christiane Hrasky betonte, dass gerade diese Kombination über den Winter-Lockdown hinweg sehr bei den Proben geholfen hat. Die Sängerinnen und Sänger konnten sich mit der Audiounterstützung des Klaviers zuhause oder bei Zoomproben auf dieses erste Konzert nach 1 ½ Jahren Pause vorbereiten.

Im ersten Teil, eigentlich einer Art Schnelldurchlauf, gaben die Chorleiterin und der Arrangeur des Chores, Axel Schaffran, eine Kurzeinführung zu den 12 Liedern, die für das Konzert ausgewählt worden waren. „Die schöne Müllerin“, eigentlich für eine Männerstimme gedacht, wurde für den gemischten Chor arrangiert, zuweilen mit ungewöhnlichen Mitteln. Ein Beispiel dazu ist die erstaunliche Kombination von hohen Tenor- und Altstimmen, um den Charakter und die Gefühle eines Liedes zu unterstreichen. Kurz vorgestellt wurden alle Lieder, ihr Hintergrund erläutert, vom Chor angesungen und so wurden den Zuhörenden die Musik und ihre Bedeutung nahegebracht.

Der romantische Liederzyklus erzählt die Geschichte der unglücklichen Liebe des Müllergesellen zur „schönen Müllerin“. Er spannt den Bogen von der ersten Begegnung und der Verliebtheit, über Euphorie und die Enttäuschung, als „Die schöne Müllerin“ ihm einen Jäger, seinen Konkurrenten, vorzieht und endet mit der Verzweiflung des jungen Mannes, der nicht mehr weiterleben will und wird.

Im folgenden zweiten Teil sang der Franz-Schubert-Chor das komplette Konzert mit 12 Liedern. Nach der langen Abstinenz von Chorkonzerten brachte schon das Einsingen ein Lächeln ins Gesicht. Umso ergreifender war dann das Konzert, das mit dem bekannten „Das Wandern ist des Müllers Lust“ vielstimmig begann. Vergessen konnte man die Fußballtribüne, das UKE-Gelände im Hintergrund und das Rauschen des Lokstedter Steindamms, denn die Akustik unter dem Holzdach war überraschenderweise recht gut, und Schubert irgendwie mitten im Leben.

Wenn der Auftritt des renommierten Chores im Stadion vielleicht auch ein Corona geschuldetes Experiment war, es war sehr gelungen, spannend und beeindruckend. Chapeau für alle Beteiligten.

Zum Abschluss sang der Chor „Nehmt Abschied Brüder …“, da heißt es in der Schlusszeile „… lebt wohl, Auf Wiedersehen.“ Bitte gerne, so zu verstehen auch die Standing Ovations des Publikums bei Flutlicht.

Wer mehr wissen möchte… hier geht es zum Chor: Unter https://www.franz-schubert-chor.de erreicht man die Website des Chores und stößt auf viel Musik. Wer sich fürs Mitsingen interessiert, ist an der richtigen Stelle, und wer auf Neuigkeiten gespannt ist, auch. U.a. gibt es auf der Seite ein Kunstprojekt mit 5 Schubert-Liedern aus der Schönen Müllerin, eine sehen- und hörenswerte Videoarbeit: https://youtu.be/kvk1SfUScg4

Gertrud Krapp

Fotos

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