Geist und Schöpfung

Der Carl-Phillip-Emanuel-Bach-Chor Hamburg singt in der Laeiszhalle

Es ist ein besonderer Abend in der schönen Laeiszhalle: Der Carl-Phillip-Emanuel-Bach-Chor Hamburg führt die Missa solemnis von Ludwig van Beethoven auf und kombiniert dieses Werk mit der Uraufführung der Komposition ‚Pinus’ der österreichischen Komponisten Johanna Doderer. Das Konzert steht unter dem Oberbegriff „Geist und Schöpfung“ und verspricht einen sphärischen Gesamtklang durch die Gemeinsamkeit beider Werke, der Verbindung zwischen Geist und Schöpfung.

Der Chor ist seit 1998 als freier Konzertchor tätig und verfügt über ein Repertoire, das über Oratorien und Oper bis zur a cappella Musik und die Musik der Moderne reicht, auch Werke vergessener Komponisten werden aufgeführt. Das zeugt von der hohen künstlerischen Qualität des Chores. Er tritt heute mit ca. 60 SängerInnen auf, wobei der Anteil der Frauen- und Männerstimmen fast identisch ist. Die Leitung hat der Dirigent und Konzertorganist Hansjörg Albrecht, der einen Großteil der Werke einstudiert und auch Leiter des Münchner Bach-Chores und Bach-Orchesters ist. Die Berliner Symphoniker spielen dazu. Als Solisten hören wir Valentina Farcas (Sopran), Laila Salome Fischer (Mezzosopran), Jussi Myllys (Tenor) und Tareq Nazmi (Bass).

Die Missa solemnis wurde von Beethoven zwischen 1819 und 1823 komponiert und gilt als eines seiner bedeutendsten Werke. Sie wurde für gemischten Chor, Orchester und Solisten in allen 4 Stimmen geschrieben. Die Chorpassagen zählen zu den schwierigsten der gesamten Chorliteratur. Die Erstaufführung fand am 07. April 1824 in St. Petersburg statt. Sie war zunächst für Weihnachten 1823 geplant, musste aber verschoben werden, da die Einstudierung der sehr anspruchsvollen Chorpartien längere Zeit in Anspruch nahm.

Beethoven versuchte bei der Vertonung der Messe, die sich wie jede Messe aus den Teilen Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei mit liturgischem Wortlaut zusammensetzt, jedem Wort, jedem Satz durch die Musik die ureigene Bedeutung des Textes zu geben. Das Werk soll die Inspiration, die er aus der Natur schöpft, widerspiegeln. So erklären sich die oft ungewohnt scheinenden Melodien, der häufige Wechsel von Takt, Tempo und Intonation und der Instrumenteneinsatz.

Das ‚Kyrie‘ beginnt klassisch mit einer Orchestereinleitung, in die der Chor und später die Solisten mit Ausnahme des Bass einstimmen. Im Mittelteil ‚Christe eleison‘ treten erstmals alle 4 Solisten zusammen auf. Ihr ausdrucksstarker Gesang wird vom Chor in einem lebhaften Wechselspiel entsprechend begleitet. Das abschließende Kyrie erklingt innig und endet nach kurzem Aufbäumen zart und sehr leise.

Beethovens Intention wird im ‚Gloria‘ wie auch im ‚Credo’ besonders deutlich.

So lässt er den Chor im Gloria gleich zu Beginn sich zu den Worten ‚Gloria in excelsis Deo‘ in die Höhe schwingen, zum ‚et in terra pax hominibus‘ dagegen leise in die Tiefe. Die Taktwechsel, Themenwechsel und dadurch bedingt Tempo- und Intonationswechsel sind die Folge der exakten Auslegung der heiligen Worte. Dem Chor wird ständige Aufmerksamkeit abverlangt. Wir hören einen Wechsel von Fugen, Gloria – Einwürfen des Chores, der Solisten, ein Feuerwerk verschiedener Themen und Melodien, die sich in unterschiedlichen Formen wiederholen. Bittend, fast flehend das ‚miserere nobis’, bevor das abschließende ‚in gloria Dei Patris. Amen’, zunächst für die Solisten, dann für Chor und schließlich als Wechselspiel beider Parteien geschrieben, förmlich explodiert. Wieder zeigt sich bei diesen äußerst anspruchsvollen Passagen das Können der Akteure, es gelingt grandios! Zum Schluss ein kraftvolles, schnelles Gloria des Chores, das in den beiden letzten Tönen unerwartet und zart endet.

Nach dem Gloria folgt eine ungewöhnliche Zäsur: Das Werk wird unterbrochen. Wir erleben die Uraufführung von ‚Pinus‘ der österreichischen Komponistin Johanna Doderer. Pinus ist Teil eines mehrsätzigen Werkes und wurde im Auftrag von Hansjörg Albrecht geschrieben.

Johanna Doderer erklärt ihr Werk so: „Pinus ist ein Universum an Symmetrien dieser Bäume in Klänge umgesetzt“. Zunächst erklingt ein Glockenklang, leise Pauken und einzelne Xylophonklänge folgen. Streicher und Trompeten steigern lange Klänge, ein pulsierendes Motiv ist unterlegt, die Flöten strahlen Ruhe aus, die Trompeten klingen gewaltig. Glockenspiel und Xylophon beenden das Werk.

Es ist eine Musik, die nicht fremd wirkt innerhalb der Missa solemnis. Sie ist wunderbar anzuhören und erinnert an die angekündigten sphärischen Klänge.

Ohne Unterbrechung folgt nun die Fortsetzung der Missa.

Das ‚Credo‘ führt die Linie des vorangegangenen Gloria fort. Einer der Höhepunkte ist sicher das ‚et incarnatus est‘, das vom Chorbass geheimnisvoll, wie ein Echo eingeführt wird. Das kurze ‚et resurrexit‘ hat Beethoven a cappella komponiert, auch hier wieder ein überraschendes Ende. Der Höhepunkt des ‚Credo‘ bildet die Fuge ‚Et vitam venturi saeculi‘, die, in ihrer Aussage voller Hoffnung, in der Ausführung der schwierigste Teil des Werkes, mit ihren Koloraturen vom Chor in aller Intensität so präzise gesungen wird, dass jede einzelne gesungene Note erkennbar scheint. Das letzte Amen erklingt zart, freundlich, piano von Chor und Solisten.

Das ‚Sanctus‘ ist hauptsächlich den Solisten überlassen. Soll hiermit verdeutlicht werden, dass jeder Einzelne, für sich allein, vor Gott steht? Im ‚Benedictus’ spielt über weite Strecken die Solovioline wie aus einer himmlischen Höhe schöne, zarte, fremde Melodien, oft begleitet von den Solisten, auch der Chor singt dazu. Ein wunderbares, andächtiges Hörerlebnis, das die Ohren mit gewohnten Klängen verwöhnt!

Das ‚Agnes Dei‘ beginnt nach kurzem Orchestereinsatz mit einem bittenden, ja flehenden ‚MIserere nobis’ des Solo Bassisten, in das zunächst der Chorbass, dann alle Solisten und der gesamte Chor einsetzen. Noch einmal singen die Solisten wie in tiefer Andacht versunken. Hell und fröhlich klingt das ‚Dona nobis pacem‘. Dann jedoch der Bruch: Kriegsmusik ähnliche Klänge sind zu hören, Trompeten blasen Fanfaren, Pauken simulieren Kanonendonner. Das ‚Agnus Dei’ klingt in den Männerstimmen fordernd, in den Frauenstimmen beruhigend. Der Schluss stimmt wieder friedlicher. Nach mehrmaligem ‚Pacem‘ in allen Stimmen, unterbrochen von leisen, fernen Paukenschlägen, ein letztes ‚Dona nobis pacem. Amen’, noch einige kurze Orchesterakkorde … Schluss. Ein versöhnlicher Schluss.

Die Missa solemnis war zu Beethovens Zeiten ein umstrittenes, weil ungewohntes Werk, und ist es vielleicht heute noch. Im Programmheft lese ich den Satz, bezogen auf das Kyrie, der gleichwohl für viele Passagen des Werkes gilt: „Wer könnte ein Thema vor sich hersingen?“. Der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor Hamburg, präzise geleitet von Hansjörg Albrecht, kann es. Ihnen gebührt großes Lob für die Ausgestaltung dieser außergewöhnlichen Missa solemnis, und das Publikum würdigt sie und alle Mitwirkenden, auch die anwesende Johanna Doderer, mit langem Applaus.

Marlies Radtke

Fotos

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