Konzert

Frauen Leben Mut

für Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Freiheit

So lautete der Titel des Programms am vergangenen Freitag, dem 01. März 2024 um 19.00 Uhr im Bürgersaal im Bürgertreff in Altona. Es war bereits die zweite Aufführung des Chors Hamburger Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter e.V. Zwei Wochen zuvor hatten sie ihr Programm unter der Leitung von Natalie Knopp im Centralkomitee (ehemals Polittbüro) in St. Georg vorgestellt. Seit über 40 Jahren setzt sich der Chor Hamburger Gewerkschafter/innen für die Rechte von Menschen ein. Dazu bedarf es eines langen Atems. Dass der Chor diesen langen Atem besitzt, hat er an diesem Abend bewiesen. Über 30 Sängerinnen und Sänger brachten ihr Anliegen nachdrücklich vor und dem Publikum eindringlich nahe. Frauen Leben Mut war das Motto, dass sich als Roter Faden durch den Abend zog, in 90 Minuten und mit einem bunten Kaleidoskop von Liedern. Ein paar Tage vor dem 8. März, dem Internationalen Frauentag, geht es um Themen, die Frauen seit langem betreffen. Vom Jahr 1911 bis 2023 zieht sich der musikalische Bogen, von A wie Alexandra Olsavsky bis Y wie Yael Deckelbaum. Wie kam es zu diesem Programm? Diese Frage wurde in der Anmoderation geklärt. Die Notwendigkeit, sich für Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Freiheit einzusetzen, besteht nach wie vor. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Frauen aus dem Iran und Mexiko, die unter besonders schwierigen Bedingungen leben. Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht, lautete das Zitat nach Rosa Luxemburg zu Beginn, und so haben alle Lieder mit dem Aufruf zu Veränderung zu tun.

Folgerichtig begann der Abend mit einem frechen und munteren Stück von Friedrich Holländer, 1926 geschrieben für Claire Waldorf, es forderte: Raus mit den Männern aus dem Reichstag. Umgehend folgte die Frage, was würde denn passieren, wenn eine Frau die Macht übernähme, What happens when a woman takes power, von Alexandra Olsavsky unterstützt von Bodypercussion. Getragen und ernst war es bei Stihl die Nacht mit dem Text von Hirsch Glik. Dieses Lied, das die Geschichte einer jungen Partisanin erzählt, entstand um 1943. Rosa Parks, der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin, galt das nächste Lied. Sie wurde festgenommen, weil sie in einem Bus saß, auf einem Platz, der für Weiße reserviert war und diesen Platz nicht räumte. Damit löste sie Proteste aus, die als Beginn der Bürgerrechtsbewegung gelten. Mit Wangari geht es nach Afrika. Das Lied ließ das Publikum teilhaben am Leben der kenianischen Politikerin Wangari Maathai, die als erste afrikanische Frau 2004 den Friedensnobelpreis erhielt.

Im Programm gab es zwischen einzelnen Liedern Wortbeiträge zu den Themen. So folgten zum Beispiel 8 Fakten in 8 Takten, es wurden u.a. Zahlen zur Misshandlung von Frauen genannt, die kaum fassbar sind, wie die Angaben zum Femizid, der extremsten Ausübung von Gewalt an Frauen in Mexiko.

Die Band Frida Gold hat 2023 mit dem Lied Alle Frauen in mir sind müde beschrieben, wie sich Überlastung auswirkt. Sie setzen die Kraft und das Lachen von Frauen dagegen: Ich kenne nichts, was so ist, wie das Lachen einer Frau, heißt es im Text. Über 100 Jahre ist es her, dass Brot und Rosen, zunächst ein Gedicht, dann vertont, durch einen Arbeitsstreik Berühmtheit erlangte. Es wurde vielerorts von Frauen gesungen und als Forderung auf ihre Fahnen geschrieben. Im Grunde steht in der Tradition dieser Forderung auch Maren Kroymann, die 2023 zusammen mit der Rapperin Babyjoy zum Equal Pay Day forderte, Bitches brauchen Geld.

Mit drei Tenören und drei Bässen folgte eine reine Männerformation mit Für Frauen ist das kein Problem, von Max Raabe, die das Publikum zu Schmunzeln brachte. Das Programm blieb sich treu, Abwechslung war auf jeden Fall auch ein Motto. Von der Dichterin Mascha Kaléko stammt das 1977 veröffentlichte Gedicht Sozusagen grundlos vergnügt. Heiter und ernsthaft zugleich wurde es vorgetragen.

Die Liebe ist weiblich, die Freundschaft auch. Die Hoffnung, die Geduld und die Wut im Bauch, so beginnt ein Lied von Lina Bó, das beschreibt, was alles weiblich ist, und das ist eine ganze Menge. In What about the women von der israelisch-kanadischen Sängerin Yael Deckelbaum aus dem Jahr 2022 geht es um den Friedensmarsch von Frauen, die sich gemeinsam für den Frieden und gegen den Krieg einsetzen.

Cancion sin miedo, Gesang ohne Angst ist der Titel eines Liedes von Vivir Qintana, das der Chor sehr eindrucksvoll präsentierte. Die Moderatorin erzählte, das es am 08.03.2020 in Mexico Stadt zum ersten Mal gesungen wurde. Mittlerweile ist es zu einer Art Hymne der Frauen in Lateinamerika geworden, die damit gegen Frauenmorde protestieren.

In Mein schönstes Kleid von der Band Früchte des Zorns, sehr berührend von einem Duo gesungen, und von Celloklängen begleitet. Wir hören vom Traum einer gefahrlosen Zukunft, und das egal wer was ist, auch als queerer Mensch, angstfrei leben kann. Der Song of equality fordert Gerechtigkeit für Frauen, es ist ein Lied der iranischen Frauenbewegung von 2007. Ein weiteres Lied von Yael Deckelbaum ist Prayer of the mothers. Es steht in Zusammenhang mit dem Friedensmarsch 2014, bei dem 4000 Frauen zwei Wochen lang quer durch Israel marschierten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Während des Liedes knüpften die Sängerinnen und Sänger aus weißen Tüchern ein langes Band, das schließlich die Bühne und das Publikum umfasste, ein Ausdruck für Gemeinsamkeit und der Verbindung untereinander. Als vorerst letztes Lied stand People have the power, das Patty Smith 1988 erstmals veröffentlichte, auf dem Programm und beendete der Abend kraft- und hoffnungsvoll. Es waren 90 kurzweilige Minuten, in denen der Chor neben dem langen Atem auch eine gehörige Portion Kondition zeigte. Die Themen verloren dank der Musik etwas von ihrer Schwere, aber keineswegs an Bedeutung.

Als Zugabe folgte ein Kanon vom Artikel 1 der Uno-Menschenrechtscharta: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Natalie Kopp, die musikalische Leiterin, entließ das Publikum mit einer weiteren Zugabe und dem Versprechen, das wird ein Ohrwurms. Wir hörten noch einmal Weiblich von Lina Bó, und bei mir zumindest stimmte es … ein Ohrwurm, weiblich.

Und wer mehr wissen möchte:

Auf der Website des Chores https://www.chgg.de stehen künftige Pläne, Probezeiten, Informationen zur Geschichte, ein Überblick über das umfangreiche Repertoire und sehr vieles mehr.

Wer regelmäßig informiert werden möchte, kann sich unter https://www.chgg.de/Oeff/Newsletter.html für den Newsletter eintragen.

Was unter Widerstand mit Chorgesang zum Anspruch des Chores gehört, ist unter  https://www.chgg.de/Oeff/Geschichte.html nachzulesen.

Gertrud Krapp

Fotos

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