Interview mit Christiane Canstein

Anlässlich des 135. Jubiläums des Gemischten Chor Havighorst-Boberg v. 1882 – kurz HaBo – trafen wir Christiane Canstein zum Interview. Wie Habo zu Christianes zweiter Familie wurde und warum „Land unter“ positive Erinnerungen auslöst, lest ihr hier:

Singen macht glücklich! Stimmt das aus deiner Erfahrung?

Na klar. Absolut. Das kann ich an eigenen Erfahrungen festmachen und ich sehe es jede Probe wieder bei meinen Chorsängern. Die kommen donnerstags Abend gestresst an und man sieht, dass die einen anstrengenden Tag hinter sich haben. Und nach der Probe sind alle irgendwie glücklich – das bekomme ich auch öfter zurück gemeldet. Das ist wirklich schön zu sehen.

 Wie bist du zur Musik gekommen?

Eigentlich sehr spät – zumindest zum Chorgesang. Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Akkordeon zu spielen, habe dann mit zwölf Jahren Klavier gelernt und erst mit vierzehn Jahren angefangen in einem Chor mitzusingen – einem Gospelchor. Über Freunde bin ich dann zum Chorgesang gekommen und habe Gesangsunterricht genommen und mich auf die Aufnahmeprüfung zum Musikstudium vorbereitet.

Was bedeutet Chor für dich? 

Gemeinschaft, schöne Musik, Projekte, Neues ausprobieren.

 Was macht dir an deiner Chorleitertätigkeit am meisten Spaß?     

Dass man etwas bewegen kann. Zu merken, ich habe das richtige Stück ausgesucht und die Leute ziehen mit und haben Spaß daran – entweder bei einem anspruchsvolleren Stück zu „beißen“ und zu sagen „ja, dass will ich jetzt hinkriegen, das schaffen wir“ – oder auch einfach mal ein besonderes Stück zu haben.

Wir haben zum Beispiel beim Chorfest in Stuttgart Land unter gesungen und haben genau für dieses Lied einen Sonderpreis für „einen besonderen musikalischen Moment“ bekommen. Das war glaube ich für uns alle die totale Bestätigung, weil das, was man jede Probe wieder predigt – dass es eben nicht darum geht, alles perfekt zu singen, sondern Emotionen rüberzubringen, als Gruppe gemeinsam aufzutreten. Das war quasi ein Geschenk für uns alle. Für mich natürlich für die Arbeit, die ich geleistet habe, aber eben auch für die Sänger, die da einfach mitsingen und genau das in den Chor reingeben – die Emotionen, das gemeinsame Singen und die Überlegung, was wir dem Publikum damit geben können. Das war schön.

 Was müsste sich Deiner Meinung nach ändern, damit mehr Kinder und Jugendliche Gefallen am Chorgesang finden?

Es müsste viel mehr qualifizierte Chorleiter im Bereich Kinder- und Jugendarbeit geben. Als ich studiert habe, habe ich zum Beispiel „nur“ Chorleitungsunterricht gehabt. Es war klar, dass wir in die Schulmusik gehen, aber wir haben ganz wenig Input für Kinder- und Jugendchorarbeit gehabt. Die Stimme zum Beispiel ist anders aufgebaut. Ich kann natürlich meine Phasen für die Probenarbeit haben, das funktioniert auch bei Erwachsenen, aber nicht bei Kindern in der 5. oder 6. Klasse. Da wird man ganz schnell eines Besseren belehrt, dass man da eine andere Probendidaktik braucht, um die Kinder bei Laune zu halten.

Wenn man jetzt aber durch die Praxis mit Kindern und Jugendlichen mitbekommt, wie schnell man die begeistern kann, was für tolle Klassengemeinschaften da zustande kommen, wenn man mit denen regelmäßig singt.

Es muss aber diese Leute geben, die in die Schulen gehen oder in den Schulen sind und die Kinder einfach motivieren. Ich glaube, wer die Erfahrung mit seiner Stimme erst einmal gemacht hat, der weiß, was er daran hat und wird es hoffentlich auch weiter tun.

In der Schule müssen wir Kindern einfach die Gelegenheit geben, sich mit Stimme auseinander zu setzen und Erfahrungen des gemeinschaftlichen Singens zu machen, ohne gleich wieder mit einem Zensor dazusitzen und zu sagen „das muss gut sein“. Jeder bringt seine individuelle Stimme mit und da muss ich nicht sagen „ das ist gut, das ist nicht gut“, sondern es geht einfach um das Gemeinschaftliche.

 Es kommen immer mehr Projekte mit Mega-Chören nach Hamburg – wie zum Beispiel “Young Voices” oder das Pop-Oratorium “Luther”, dass im Februar in der Barclaycard Arena mit einem Chor von 1.500 Sängern und Sängerinnen aufgeführt wurde. Glaubst du, dass solche Projekte die Chorszene beeinflussen werden und wenn ja, wie?

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, dass es eine gute Möglichkeit ist, für traditionelle Chöre ist, zu sagen, wir nehmen uns das als Projekt vor, probieren das mal aus und sind ein Teil des Ganzen. Aber ich glaube, oder hoffe, ehrlich gesagt nicht, dass dieses Traditionelle dadurch so beeinflusst wird, denn das sind immer nur Projekte für die man da zusammen kommt und ich finde es total wichtig, und das sehe ich auch an meinem eigenen Chor, sich wöchentlich zu treffen, gemeinsame Dinge zu erarbeiten und dabei dann verschiedenes Repertoire auszuprobieren und mal so ein Projekt mitzumachen. – Aber sich nur noch in solchen Projekten zu organsieren, fände ich schade, weil dadurch dann genau das stirbt, was diese traditionellen Chöre ausmacht und auch der Gedanke dahinter.

 135 Jahre Gemischter Chor Havighost-Boberg – was ist das besondere an diesem Chor?

Diesen Chor muss man erleben, dann weiß man, dass er etwas besonderes ist. Es ist für mich schon fast wie eine zweite Familie.

Ich bin zu dem Chor gekommen, weil ich im Studium Praxiserfahrung brauchte. Eigentlich wollte ich nie einen eigenen Chor leiten. Und dann dachte ich, „du hast jetzt diese Chorleiterprüfung – du brauchst jetzt Praxis. Such dir einen Chor und übe mit denen“. Der damalige Chorleiter hatte diesen Chor 40 Jahre geleitet und war an die 70 Jahre alt. Der Chor wollte sich damals verjüngern und haben beschlossen „wir fangen bei dem Chorleiter an“. Am Anfang hatten die natürlich Angst, das war ja ein Traditionschor und dann kommt da eine junge Studentin, wer weiß wie lange die da bleibt… Aber wir sind dann so zusammengewachsen und haben uns so gut zurecht gefunden, dass es eben mehr war als nur ein Job, sondern ich habe da Freunde gefunden. Man kommt da rein und wird gleich aufgenommen – das geht glaube ich jedem so, der in diesen Chor rein kommt. Da merkt mann dann, dass es schade wäre, wenn es das als Traditionschor nicht mehr geben würde – dieses Miteinander. Man ist auch außerhalb des Chores füreinander da – ich sage nur Thema Umzug. Der Chor ist da und hilft – da kann kein Umzugsunternehmen mithalten.

Was erwartet das Publikum beim Jubiläumskonzert am 27.05.2017

Ein bunt gemischtes Programm. Wir sind gerade dabei. Nach dem Chorfest in Stuttgart haben wir noch einen neuen Bereich in Richtung Pop mit angefasst. Das heißt Titel wie Sweet dreams oder It’s my life von Bon Jovi und einen ganz tollen Satz von Da werd’ ich sein, den wir bei Cantaloop mal gehört haben und dann von Christoph Gerl ein Arrangement bekommen haben – und natürlich unsere Hymne Land unter.

 

Tanja Schneider

 

Der Gemischte Chor Havighorst-Boberg von 1882 e.V. (HaBo) wird 135 Jahre alt!

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