Interview mit Alexander Grimm

Was Chorleitung mit einer Sanduhr zu tun hat und welches tolle Projekt entstanden ist, weil Toiletten für einen Probenraum benötigt wurden, lest Ihr im Interview mit Alexander Grimm von Hamburg Voices.

Singen macht glücklich! Stimmt das aus deiner Erfahrung?

Ja, absolut! Ich kann das aus meiner eigenen Erfahrung sagen, das Singen mein Leben total verändert, verändert hat und auch verändert. Wenn man von glücklich spricht, dann muss man definieren, was Glück bedeutet. Glück ist für mich ein Ist-Zustand, eine Momentaufnahme und deswegen: Ja, Singen macht glücklich, weil es immer wieder diese Momentaufnahme gibt, aber unter diesem Glück liegt Zufriedenheit für mich und Freude. Mein Claim, mit dem ich mit meinem Gesangsstudio angetreten bin ist ja auch “Freude durch Gesang” und genau das erlebe ich.

Ich vertrete den Ansatz, das jeder singen kann. Es ist nur die Frage, wo man steht und in welcher Zeit man wo hin will. Mich interessiert auch nicht, wo jemand steht, sondern mich interessiert ob ich denjenigen mit meiner Arbeit abholen und dahin führen kann, wo er hin möchte. Wenn ich anfange als Vocalcoach mit Leuten zu arbeiten, dann sage ich ihnen immer, dass sie sich auf eine Reise begeben, deren Ausgang sie nicht kennen, aber das es auf jeden Fall eine tiefgreifende Veränderung auch in ihrer Persönlichkeit bewirken wird – und immer zum Besseren. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der mit schlechter Laune aus dem Gesangsunterricht oder einer Chorprobe nach Hause  gegangen ist. Von daher kann ich absolut bestätigen, dass Singen glücklich  macht.

Wie bist du zur Musik gekommen?

Noch vor der 1. Klasse bin ich in den Chor gekommen. Meine Eltern wollten eigentlich, dass ich Klavierunterricht bekomme und der einzige, den sie kannten, war der Kirchenmusiker und Chorleiter bei uns in der Pfarrgemeinde. Den haben sie dann gefragt, aber er hatte keine Zeit für Klavierunterricht, hat aber gesagt: “Mensch, dann soll er doch einfach mal in den Chor kommen”. Das habe ich dann ausprobiert und seit dem habe ich gesungen und später dann bei jemand anderem Klavierunterricht gehabt. Ich habe das ganz lange als Hobby betrieben und habe beruflich nach dem Abitur einige Sachen ausprobiert um mich zu orientieren, aber ich war nie wirklich dabei. Irgendwann hat dann ein Freund in einem Gespräch gesagt: “Warum machst du eigentlich nicht Musik? Das machst du doch sowieso die ganze Zeit. Probier’ das doch mal aus.”  Ja, warum eigentlich nicht?  Ich habe dann hier in Hamburg die Aufnahmeprüfung bei der Stage School gemacht und bin da auch gleich genommen worden und ab diesem Tag wusste ich, jetzt bin ich auf dem richtigen Weg. Ich hatte keine Ahnung, wo sich das hin entwickelt und ich bin auch mittlerweile an einem ganz anderen Punkt, als ich das vor 10 Jahren geplant oder vermutet hätte, aber ich wusste an dem Punkt, jetzt bin ich auf jeden Fall auf dem richtigen Weg.

2013 hast Du den Chor Hamburg Voices gegründet. Wie ist es dazu gekommen und was macht diesen Chor besonders?

Ich habe viele Jahre an Bühnenfachschulen als Dozent unterrichtet – an der Stage Art Musical School, an der Contemporary Dance School und dann noch an der Gesangs- und Schauspielschule für Laien in Poppenbüttel. Dort bin ich früher oder später immer gefragt worden, ob ich nicht den Schulchor übernehmen möchte. Ich habe immer gesagt, nein, das mache ich nicht, Schuster bleib bei deinen Leisten. Ich bin kein studierter Chorleiter und das mache ich nicht. Der Chor war auch immer so ein bisschen das Stiefkind an diesen Schulen, weil da keiner Bock drauf hatte. Das wollten alles Solisten werden, das war mehr so ein Pflichtfach. Und ich wollte einfach Spass haben bei meiner Arbeit und mich mit Leuten umgeben, die da Lust drauf haben.

Da ich aber in dieser Freiberuflichkeit immer sehr von der Hand in den Mund gelebt habe, habe ich irgendwann mit Stephan Sieveking die Idee gehabt, ein weiteres Standbein auf die Beine zu stellen und mein Studio, diesen Probenraum mit dem Chor zu füllen. Dann haben wir 2 Chor-Workshops gemacht. Da waren dann so ca. 20-30 Leute, die sich das angeschaut haben und bei der ersten Probe Anfang Januar 2013 haben wir dann tatsächlich mit 6 Leuten angefangen. Mein erklärtes Ziel waren 150 Leute. Am Anfang hat das ein bisschen gedauert und es kam immer so leichter Zuwachs und dann ist das im Sommer 2013 explodiert. Da hatte ich eine Audition gemacht, bei der waren mehr  Interessenten als Leute im Chor. Das waren dann 30 Neue nach der Sommerpause und 20 Leute aus dem Chor. Das war eine ganz skurrile Situation, weil die ganzen Interessenten schon alle sehr pünktlich da waren und haben sich alle gegenseitig gefragt, “Wie lange singst du schon in dem Chor?” aber es waren ja alles Neue und die haben gedacht, den gibt’s gar nicht, den Chor, weil niemand jemanden getroffen hat, der schon im Chor ist. Dann ist das ganze explodiert und im Oktober 2013 habe ich dann den Chor in zwei Gruppen geteilt, weil es einfach von der Probenarbeit her effektiver ist. Dann kam die Donnerstags-Probe dazu und im Januar 2014 habe ich ihn nochmal geteilt und dann kam die frühe Dienstags-Probe dazu.

Was mich interessiert ist, ob man mit einer Gruppe dieser Größe einen festen Chor schaffen kann, der regelmäßig probt, der sich als Chor versteht – nicht als Projektchor – sondern ein Chor der dauerhaft langfristig zusammen arbeitet und auch wächst – sowohl personenmäßig als auch von der Qualität her und mit einer Chorgemeinschaft, die meines Erachtens nur in einem festen Chor entstehen kann, so dass Freundschaften und ein soziales Gefüge entstehen. Das ist auf jeden Fall besonders an diesem Chor und auch mich reizt es einfach zu gucken, ob ich mit 150 Leuten eine Präzision auf die Bühne bringen kann, wie mit 30-40 Leuten und gleichzeitig eine Energie zu schaffen, die – wie bei den großen Projektchören – einen einfach umhaut. Das ist für mich wirklich das besondere an diesem Chor, dass es ein großer Chor ist, der so eine fantastische positive Ausstrahlung hat.

Was macht dir an deiner Chorleitertätigkeit am meisten Spaß?

Die Gesichter zu sehen, wenn es wirkt. Ich empfinde mich wie in so einer Sanduhr, wenn wir auf der Bühne sind. Da ist der Chor und ich bin dieses Nadelöhr in der Sanduhr und dahinter ist das Publikum. Es gibt einen energetischen Austausch zwischen Publikum und Chor und ich stehe in der Mitte. Ich dosiere sowohl in die eine als auch in die andere Richtung und das ist krass! Das ist Wahnsinn – einfach irre! Und wenn man diese 70-80 Leute sieht und spürt, wenn die konzentriert sind, dann wird das Publikum beschenkt. Ich bekomme auch ganz viel zurück. Ich verschenke mich auch. Ich muss da auch mit gutem Beispiel voran gehen und ich lasse emotional die Hosen runter – ich bin total offen, aber das kommt zu mir zurück. Wenn ich es schaffe, mich so zu öffnen, dann findet dieser Austausch statt und ich könnte heulen vor Glück!

Im Februar 2017 kommt das Pop-Oratorium „Luther – Das Projekt der 1000 Stimmen“ im Rahmen einer Deutschland-Tournee in die Barclaycard Arena Hamburg. Der dortige Chor wird ca. 2.500 Stimmen zählen. Glaubst du, dass solche Projekte die Chorszene verändern werden und wenn ja inwiefern?

Ja, das glaube ich. Ich stelle fest, das es die Tendenz zur Unverbindlichkeit gibt – unabhängig von Chören. Man will sich nicht mehr festlegen. Man will sich auch im Hobbybereich nicht mehr festlegen. Das merke ich selbst bei meinem Chor, wo ich ganz klar sage, ich erwarte mindestens 2/4 bis 3/4 Probenanwesenheit und ich will, dass ihr bei den Konzerten mitsingt. Das sage ich jedem, der in den Chor reinkommt und es gibt immer wieder Leute, die das nicht verstehen oder anders handeln.

Ich glaube, dass diese Projektchöre ganz fantastisch für Leute geeignet sind, die es nicht schaffen, sich festzulegen, also sich dauerhaft für ein Hobby zu entscheiden und dabei auch zu bleiben, die aber trotzdem diese Benefits vom Singen haben möchten. Ich habe noch nie bei sowas mitgemacht, aber ich stelle mir das unheimlich erhebend vor, mit 2.500 Sängern in einem Stück zu singen. Ich bin auch von einigen Leuten aus meinem Chor angesprochen worden, ob wir da nicht mitmachen wollen und ich habe dagegen entschieden, weil das in meiner Jahresplanung zuviel Zeit in Anspruch nehmen würde. Deswegen wird das von mir als Chorprojekt von Hamburg Voices nicht kommuniziert, aber ich habe natürlich, weil ich merke, dass es da einen Mehrbedarf bei einigen Leuten gibt und weil es Interesse gibt,  den Link von dem Oratorium weitergeleitet und auf den Projektchor von Clouds of Voices verwiesen.

Anfang April gibt es die erste Acapella Werkstatt in Hamburg. Was ist das und wie ist es zu diesem Projekt gekommen?

Ich habe Markus Meier über Fabian Noeller kennengelernt, der mich gefragt hatte, ob Hamburg Voices und B’Noise nicht ein Doppelkonzert machen wollen. Ich hatte sowas vorher noch nie gemacht. Das war eine tolle Erfahrung, weil es sich fantastisch ergänzt hat und wir werden das mit Sicherheit wieder machen. Ich hatte mir vorher ein Konzert von B’Noise angeschaut und singe da jetzt auch mit, weil dort ein Bass gesucht wurde.

Wir haben uns natürlich auch ausgetauscht und ich habe den beiden von dem Wunsch erzählt, Hamburg ein A Cappella Festival zu schenken, weil ich spüre, dass es diesen Bedarf gibt. Es gibt gibt dieses A Cappella Vakuum, das nicht gefüllt wird. Es gibt ganz viele Leute, die Bock haben, sowas zu machen, aber es gibt  kein verlässliches Angebot, wo man weiß, da kann ich hingehen, da kann ich mich anmelden, da gibt es qualitativ hochwertige Produkte. Und dann haben wir uns zu viert das erste Mal im November 2015 getroffen, haben Aufgaben verteilt und uns gegenseitig Input gegeben und unser ganzes Know-how gebündelt und wir haben im Team aufgeteilt, wer was macht. Wir haben das ganze dann Acappella Werkstatt genannt, weil es in der Kulturwerkstatt stattfindet, wo wir auch die Kreativwerkstatt im Kinderbereich haben und deswegen lag dieser Name auf der Hand. Und wir haben ein tolles Team auf die Beine gestellt – Markus und ich werden Samstag gemeinsam mit Bastian Holze aus Berlin coachen und am Sonntag kommen Jan Bürger und Morten Kjaer, die dann hier den ganzen Tag die Gruppe übernehmen werden. Und so wie wir erhofft und vermutet haben, haben wir eine gute Resonanz und wir sind jetzt 6 Wochen vorher ausverkauft. Wir haben das ganze so aufgelegt, dass wir gesagt haben, Samstag und Sonntag sind komplette Workshoptage. Samstagabend gibt es eine offene Bühne für A Cappella Gruppen, die hier teilnehmen und sich hier vorstellen möchten, oder einfach Gruppen, die davon hören und sich präsentieren möchten. Sonntag gibt es eine kleine Abschlusspräsentation, die aber eigentlich nicht öffentlich ist. Und in Zukunft wird es alle halbe Jahr – also Ostern und im Oktober eine Acappella Werkstatt geben.

Du hast gerade die Kulturwerkstatt schon erwähnt. Magst Du darüber auch noch etwas erzählen?

Die Kulturwerkstatt ist ein Herzensprojekt. Entstanden ist das eigentlich, weil ich einen 20m²Probenraum gesucht habe. Da es aber in Altona unfassbar teuer ist, kleine Räume zu mieten, und das mit dem Chor so gut eingeschlagen hatte, habe ich dann irgendwann gesagt, jetzt mache in Nägel mit Köpfen und miete mir was größeres. Daraufhin hat mir eine Maklerin, die ich beauftragt hatte, das Loft vorgeschlagen, das zu diesem Zeitpunkt ohne diese Tür Teil des Tangostudios war. Die suchten einen Untermieter, weil der Raum für die nicht nutzbar war. Ich bin da rein gekommen und hab gedacht “wie geil”. Der Kastanienbaum war am Blühen und an dem Wochenende war auch noch so ein Tango-Marathon von 72 Stunden, also überall Tangomusik auf dem Hof und ich habe nur gedacht “hier will ich arbeiten”. Das war ein totales Rattenloch, das ich in 2 1/2 Monaten ausgebaut habe und hatte dann da den Probenraum für den Chor und hatte aber keine Toiletten und die Leute mussten dann immer nach nebenan in Treppenhaus vom Aikido-Studio. Irgendwann habe ich mitbekommen, dass hier diese Autowerkstatt auszieht und dass die da hinter den Baracken Lagerräume hatten. Die wollte ich anmieten, einen Durchbruch zum Loft machen und da dann Toiletten einbauen. Im Zuge dieser Verhandlungen bin ich dann irgendwann mit der Maklerin in diesen Räumen hier gewesen und ich fand die irgendwie cool. Ich habe meiner Frau dann beim Frühstück davon erzählt und die meinte “lass uns doch das ganze Ding mieten”. “Und was machen wir damit? ” “Irgendwas wird uns schon einfallen. Auf jeden Fall erstmal Klos einbauen” – Das war so das erste Gespräch – wir brauchten eigentlich nur Klos. Danach sind dann Ideen entstanden. Ganz schnell war dann auch ein Businessplan und daraus ein Konzept entstanden. Die Banken haben mitgespielt. Die Baubehörde hat eine Nutzungsänderung bewilligt. Dann haben wir ein 3/4 Jahr umgebaut und Ende März 2015 haben wir eröffnet. Wir haben verschiedene Bereiche: das Gesangsstudio, Gesangs-Workshop, Acapplla Festival, Chor – also alles, was mit Stimme zu tun hat. Dann gibt es die Vermietung für Events, Coachings, Bandproben, andere Chöre und dann gibt es die Kreativwerkstatt. Das ist der Kinderbereich – also kreativer Kindertanz, musikalische Früherziehung und Atelier. Und dann gibt es Veranstaltungen, sprich Konzerte, Lesungen und Ausstellungen.

Kann man Dich auch noch in anderen Projekten auf Hamburgs Bühnen erleben, oder hast Du da gar keine Zeit mehr zu?

Nein. Da bin ich raus. Ich habe bis letztes Jahr im Mai am Theater offiziell gesungen, aber das ist einfach zeitlich nicht mehr drin und ich will das auch gar nicht mehr. Ich bin hier völlig ausgelastet und das ist gut so.

Tanja Schneider

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